Ute Zeller von Heubach ALL OF ME

Ute Zeller von Heubachs Bilder der Ausstellung umkreisen das Offene – als Möglichkeit, die sich nicht festlegen lässt. Malerei wird hier zu einem Medium, in dem Fragmente aus der Tiefe aufsteigen und Bild für Bild ein Streiflicht auf jene Zonen des Inneren werfen, die sich der Kontrolle entziehen.
Erinnerung zeigt sich dabei in unterschiedlichen Gestalten. Es gibt das willentliche Abrufen, das bewusste Zurückholen von Bildern. Und es gibt das unwillkürliche Erinnern, das unvermittelt geschieht – ausgelöst durch eine Farbe, einen Geruch, den Klang einer Stimme.
Marcel Proust hat diesen Unterschied literarisch verdichtet; in der Malerei von Ute Zeller von Heubach wird er sichtbar. ALL OF ME umrahmt ein inneres Urbild, das nie ganz fassbar ist und doch in bestimmten Augenblicken aufleuchtet – unwillkürlich, nicht verfügbar, eigentümlich real.
Die 4-teilige, zentrale Arbeit der Ausstellung trägt den Titel GIOTTO SITZ PLATZ AUS. Die Worte klingen nach Ordnung, Befehl, Disziplin – und entstammen doch einer Szene voller Offenheit und Auflösung: ein Wintertag am Hasliberg, dichter Nebel, der alle Konturen verschluckt. Zwei Kinderstimmen rufen unablässig nach einem Hund, der unsichtbar geworden ist. „Giotto Sitz. Giotto Platz. Giotto Sitz Platz Aus.“ Befehle, die im Weiß verhallen, ihre Richtung verlieren und sich in reine Laute verwandeln. Hier begegnen sich zwei Erfahrungen: der Versuch, inmitten des Unfassbaren Halt zu finden – und die Erkenntnis, dass sich alles auflösen kann.
Zeller von Heubachs Malerei betont darin die materielle Eigenheit des Mediums: Farbe und Träger sind nicht neutral, sondern selbst Speicher, in denen sich Erinnerungen ablagern und Emotionen eingeschrieben werden. Die Bilder sind keine Illustrationen von Erinnerung, sondern aktive Gedächtnisräume. Das Material wird zum inneren Speicher. So entstehen Bildräume, deren Oberflächen wie Membranen zwischen individuellen und kollektiven Erinnerungen wirken.
Dieser Prozess bleibt offen: Malerei in ALL OF ME versteht sich als fortlaufende Imagination des Gedächtnisses, ein Wechselspiel von Rekonstruktion und Erfindung, in dem das Material zur Mitspielerin wird. Leuchtendes Schwarz, Leerstellen, Durchblicke – hier begegnen sich ein schöpferisches Gedächtnis und ein poetisches Moment des Bewahrens. Kein Bild bleibt einzeln; jedes verschränkt sich mit dem nächsten. Gleich Bausteinen formen sie einen Möglichkeitsraum, in dem Erinnerung und Materialität sich gegenseitig aufrufen.                                                 

Autor

  • Julia Wirth ist Redakteurin bei „Kunst zum Nachtisch“ mit Fokus auf Kunst im Alltag, Wahrnehmung und Kunstvermittlung. Mit ihrem Hintergrund in der Innenarchitektur verbindet sie Zeitgeist, Raum, Kunst und Wirkung – und zeigt, wie Kunst jenseits klassischer Ausstellungen erfahrbar wird. Sie entwickelt Inhalte, die einen persönlichen Zugang zu Kunst ermöglichen, schreib und veröffentlich Texte zur Kunst ,lebt in Stuttgart und ist Mitglied im Württembergischen Kunstverein.

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